Einleitung: Das Ende der Hierarchie, wie wir sie kennen
Im April 2026 hat Jack Dorsey bei Block über 4.000 Stellen gestrichen — nicht als Sparmaßnahme, sondern als bewusste Strukturrevolution. Seine Begründung: Künstliche Intelligenz macht traditionelle Management-Ebenen überflüssig. Fast zeitgleich veröffentlichten Dan Shipper (Every) und Yoni Rechtman (99% Derisible) eigene Modelle für die Zukunft der Arbeitsorganisation. Was diese drei Denker verbindet: die Überzeugung, dass KI nicht nur Werkzeuge verändert, sondern die gesamte Art, wie Unternehmen sich organisieren.
Dieser Artikel analysiert alle drei Modelle im Detail, vergleicht ihre Ansätze und leitet daraus konkrete Handlungsempfehlungen für Unternehmen ab, die sich jetzt auf die KI-getriebene Transformation vorbereiten wollen.
Warum traditionelle Hierarchien unter Druck geraten
Bevor wir in die einzelnen Modelle einsteigen, lohnt ein Blick auf die Grundfrage: Warum funktionieren klassische Organigramme im KI-Zeitalter nicht mehr?
Traditionelle Unternehmenshierarchien wurden für eine Welt entworfen, in der Information knapp war. Manager existierten primär, um Informationen zu sammeln, zu filtern und nach oben oder unten weiterzuleiten. Ein Abteilungsleiter wusste, woran sein Team arbeitete, und gab diese Information verdichtet an die Geschäftsführung weiter. Gleichzeitig übersetzte er strategische Vorgaben von oben in operative Aufgaben für sein Team.
Dieses Modell funktionierte, solange Information teuer war. Doch KI-Systeme können heute in Echtzeit aggregieren, was Teams bauen, wo Projekte blockiert sind, wie Ressourcen verteilt werden und welche Metriken sich verbessern oder verschlechtern. Die Informationsverteilung, die früher mehrere Management-Ebenen erforderte, kann ein KI-System in Sekunden leisten.
Das bedeutet nicht, dass Führung überflüssig wird — aber die Art der Führung verändert sich fundamental. Die drei Modelle, die wir im Folgenden betrachten, bieten unterschiedliche Antworten auf die Frage, welche Rollen in dieser neuen Welt noch gebraucht werden.
Modell 1: Blocks „Mini-AGI“ — Dorseys Drei-Rollen-Organisation
Der Auslöser
Jack Dorsey, Mitgründer von Block (ehemals Square), hat im März 2026 eine der radikalsten Unternehmensumstrukturierungen der jüngeren Tech-Geschichte eingeleitet. Rund 4.000 der über 10.000 Mitarbeiter wurden entlassen. Dorsey erklärte den Schritt nicht als Kostensenkung, sondern als permanente Neustrukturierung. Der Auslöser laut Dorsey: ein Fähigkeitssprung, den er im Dezember 2025 bei KI-Tools wie Anthropics Opus 4.6 und OpenAIs Codex 5.3 beobachtet hatte — Modelle, die erstmals effektiv in großen Codebases arbeiten konnten.
Die Vision: Unternehmen als „Mini-AGI“
Dorseys zentrale These ist provokant: Jedes Unternehmen kann jetzt eine Art „Mini-AGI“ sein — eine Organisation, die um ein intelligentes System herum strukturiert ist, das Arbeit koordiniert und Chancen automatisch identifiziert.
Anstelle von Management-Ebenen setzt Dorsey auf zwei KI-gestützte „Weltmodelle“:
- Internes Weltmodell: Aggregiert Daten aus Code, Entscheidungen, Workflows und Leistungskennzahlen zu einem kontinuierlich aktualisierten Bild der Unternehmensoperationen. Es ersetzt den Kontext, den traditionell Manager in ihren Köpfen trugen.
- Externes Weltmodell: Analysiert Markt, Wettbewerb, Kundenverhalten und regulatorische Veränderungen, um strategische Chancen zu identifizieren.
Die drei Rollen
In dieser Struktur gibt es nur noch drei Rollentypen:
Individual Contributors (ICs)
Individual Contributors sind die Fachkräfte, die Systeme und Produkte bauen und betreiben. Der entscheidende Unterschied zur heutigen IC-Rolle: Sie erhalten ihren Kontext direkt vom KI-Weltmodell, nicht von einem Manager. Das bedeutet, dass ein Entwickler, ein Designer oder ein Data Scientist eigenständig Entscheidungen treffen kann, ohne auf Anweisungen warten zu müssen.
Dorsey beschreibt ICs als „tiefe Spezialisten“, die ihre Fähigkeiten kontinuierlich weiterentwickeln und direkt auf das reagieren, was das System ihnen an Kontext liefert. Die Autonomie steigt massiv — aber auch die Anforderung an Selbstorganisation und Urteilsvermögen.
Directly Responsible Individuals (DRIs)
DRIs sind die Ergebnis-Verantwortlichen. Sie besitzen spezifische, querschnittliche Probleme oder Chancen für jeweils 90-Tage-Zyklen. Ein DRI könnte zum Beispiel das Problem der Händler-Abwanderung in einem bestimmten Segment für ein Quartal verantworten — mit der vollen Autorität, Ressourcen aus verschiedenen Teams zusammenzuziehen.
Die DRI-Rolle unterscheidet sich fundamental vom klassischen Manager. Ein Manager verwaltet Menschen und Prozesse. Ein DRI verwaltet Ergebnisse: Umsatz, Qualität, Kundenzufriedenheit. Die DRI-Rolle setzt voraus, dass die Person eine Strategie entwickeln, eine Roadmap aufstellen und ein Team von ICs zusammenstellen kann, um ein konkretes Kundenproblem zu lösen.
Player Coaches
Player Coaches sind die hybrideste Rolle im Modell. Sie verbinden aktives Fachbeitragen (sie schreiben noch selbst Code, bauen Modelle oder entwerfen Interfaces) mit der Entwicklung anderer Mitarbeiter. Sie ersetzen den traditionellen Manager, dessen Hauptaufgabe die Informationsweiterleitung war.
Der Name ist Programm: Wie ein Spielertrainer im Sport steht ein Player Coach selbst auf dem Feld und coacht gleichzeitig seine Mitspieler. Die Betonung liegt auf „spielen“ — ein Player Coach, der nicht mehr selbst produziert, hat in diesem Modell keinen Platz.
Bewertung
Dorseys Modell ist das am weitesten fortgeschrittene, weil es bereits in einer Organisation mit über 6.000 verbleibenden Mitarbeitern implementiert wird. Die größte Stärke ist die klare Trennung zwischen Facharbeit (IC), Ergebnisverantwortung (DRI) und Personalentwicklung (Player Coach). Die größte Schwäche: Es setzt ein funktionierendes KI-Weltmodell voraus, das den Informationsfluss tatsächlich ersetzen kann. Ob das in der Praxis zuverlässig funktioniert, muss sich erst zeigen.
Modell 2: Shippers „Piraten und Architekten“
Der Ansatz
Dan Shipper, CEO von Every und einer der einflussreichsten Stimmen an der Schnittstelle von KI und Produktentwicklung, schlägt ein radikal einfaches Modell vor. Sein Ausgangspunkt: In einer Welt, in der „Vibe Coding“ — also KI-gestütztes Programmieren auf Basis natürlichsprachlicher Anweisungen — zur Normalität wird, braucht ein Entwicklungsteam im Grunde nur zwei Rollen.
Die zwei Rollen
Piraten
Piraten sind die Geschwindigkeitsspezialisten. Ihre Aufgabe ist es, so schnell wie möglich wertvolle, auslieferbare Produktfeatures zu entwickeln. Sie nutzen Vibe Coding, KI-gestützte Prototyping-Tools und jedes verfügbare Mittel, um Ideen in funktionierende Software zu verwandeln.
Der Pirat kümmert sich nicht um langfristige Codequalität, Skalierbarkeit oder Sicherheitsarchitektur. Er erkundet die „Produktoberfläche“ — testet Hypothesen, baut MVPs (Minimum Viable Products) und liefert Features, die echten Nutzerwert schaffen. Geschwindigkeit schlägt Perfektion.
Shippers Pirat ist im Grunde ein Produkt-Entdecker: jemand, der die Zone zwischen Idee und erstem nutzbarem Produkt so schnell wie möglich durchquert. In der traditionellen Organisation wäre das eine Mischung aus Produktmanager, UX-Designer und Full-Stack-Entwickler — aber verdichtet in einer Person, die mit KI-Unterstützung alle drei Rollen gleichzeitig ausfüllen kann.
Architekten
Architekten sind das Gegenstück. Ihre Aufgabe: die schnell entdeckten und gebauten Lösungen der Piraten nehmen und in nachhaltige, skalierbare Systeme verwandeln. Der Architekt „härtet ab“ — er sorgt für Sicherheit, Performance, Wartbarkeit und die Fähigkeit, von 100 auf 100.000 Nutzer zu skalieren.
Während der Pirat das „Was“ und „Ob“ beantwortet (Was sollen wir bauen? Funktioniert es?), beantwortet der Architekt das „Wie sicher“ und „Wie groß“ (Wie machen wir es produktionsreif? Wie skalieren wir?).
Die Dynamik
Das Elegante an Shippers Modell ist die klare Arbeitsteilung zwischen Exploration und Exploitation. Der Pirat erkundet, der Architekt konsolidiert. Diese Trennung verhindert den häufigsten Fehler in Produktteams: zu früh zu optimieren (was Innovation tötet) oder zu spät zu stabilisieren (was Kunden verliert).
Schipper argumentiert, dass KI diese Zweiteilung ermöglicht, weil ein einzelner Pirat mit KI-Unterstützung heute so viel Produktoberfläche erkunden kann wie früher ein ganzes Feature-Team. Und ein einzelner Architekt kann mit KI-gestütztem Code-Review, automatisierten Tests und Infrastruktur-as-Code die Arbeit mehrerer Piraten gleichzeitig stabilisieren.
Bewertung
Shippers Modell besticht durch seine Einfachheit und Klarheit. Es ist das am leichtesten adaptierbare der drei Modelle — jedes Startup mit einem kleinen Entwicklungsteam kann morgen in Piraten und Architekten umorganisieren. Die Schwäche: Es fokussiert sich stark auf Produktentwicklung und sagt wenig darüber aus, wie nicht-technische Rollen (Vertrieb, HR, Finanzen) in diese Struktur passen. Für rein technische Teams ist es ein brillantes Framework. Für die Gesamtorganisation braucht es Ergänzung.
Modell 3: Rechtmans „Vier Jobs“ — Vom Vibe Coder bis zum Grownup
Der Ansatz
Yoni Rechtman, Investor und Autor des Newsletters „99% Derisible“, nimmt einen etwas respektloseren, aber dadurch nicht weniger aufschlussreichen Blickwinkel ein. Sein Artikel „There Will Only Be Four Jobs“ identifiziert vier Jobtypen, die in einer KI-dominierten Arbeitswelt überleben werden.
Rechtmans Ausgangspunkt: Wenn jeder Code, Designs und Spezifikationen produzieren kann, wird die Organisation nach Produktionstyp bedeutungslos. Die leistungsstärksten Teams organisieren sich stattdessen danach, wie sie produzieren.
Die vier Rollen
1. Product and Vibe Coder / PM Slop Cannon
Die erste Rolle in Rechtmans Modell entspricht im Wesentlichen Shippers „Pirat“. Es sind die Menschen, die mit KI-Unterstützung in hoher Geschwindigkeit Produkte, Features und Prototypen erzeugen. Rechtman nennt sie auch „Slop Cannons“ — ein bewusst provokanter Begriff, der ausdrückt, dass das Ergebnis nicht perfekt sein muss, sondern schnell und zahlreich.
Der „Vibe Coder“ beschreibt eine neue Art des Programmierens, bei der natürlichsprachliche Anweisungen an KI-Modelle die Stelle klassischer Programmierung einnehmen. Der PM-Anteil (Product Management) macht deutlich, dass diese Rolle nicht rein technisch ist — sie verbindet Produktvision, Nutzerverstehen und schnelle Umsetzung.
Rechtman betont, dass diese Rolle nicht auf Engineering beschränkt ist. Hochperformante Unternehmen werden „Product Engineers“ und „Slop Cannons“ in jeder Abteilung haben — im Vertrieb, im Marketing, in der Finanzabteilung, im Kundenservice. Es geht um die Fähigkeit, mit KI-Werkzeugen schnell Output zu erzeugen, der Wert schafft.
2. Security / SRE / Infra Person
Die zweite Rolle ist Rechtmans Version von Shippers „Architekt“. Es sind die Menschen, die Gerüste bauen, die anderen erlauben, schnell zu arbeiten, und die hinter ihnen aufräumen. Rechtman weist darauf hin, dass SREs (Site Reliability Engineers) überall dort existieren, wo man genau hinschaut — ihre Grundfunktion in der Organisation besteht darin, Stabilität zu schaffen.
Aber Rechtman erweitert den Begriff über Engineering hinaus: In Marketing ist es die Person, die Qualitätssicherung und Lektorat macht. In der Rechtsabteilung ist es die Compliance-Spezialistin. In der Finanzabteilung ist es der Controller. Überall dort, wo jemand dafür sorgt, dass der schnelle Output der „Vibe Coders“ sicher, konform und zuverlässig ist.
3. Hot People
Die dritte Rolle ist die überraschendste — und bei aller Provokation die tiefgründigste. „Hot People“ sind charismatische, sympathische Persönlichkeiten in Rollen wie Vertrieb, Personalwesen und Customer Experience. Rechtman betont ausdrücklich, dass „hot“ sich nicht auf das Aussehen bezieht, sondern auf eine bestimmte Qualität der zwischenmenschlichen Interaktion.
Diese Menschen bieten der Welt — ob Kunden, Mitarbeitern oder Partnern — eine „angenehme Benutzererfahrung“. Sie sind angenehm im Umgang, schaffen Vertrauen und können Beziehungen aufbauen, die kein KI-System replizieren kann.
Rechtmans Argument ist, dass in einer Welt, in der KI die meisten analytischen und produktiven Aufgaben übernehmen kann, der menschliche Faktor nicht weniger wichtig wird — sondern mehr. Jemand muss dem Kunden am Telefon das Gefühl geben, gehört zu werden. Jemand muss im Vorstellungsgespräch die Unternehmenskultur verkörpern. Jemand muss in der Verhandlung das Vertrauen des Geschäftspartners gewinnen.
Diese Rollen werden nicht automatisiert, weil ihr Wert gerade in der menschlichen Qualität liegt. Es sind die Rollen, bei denen Authentizität, Empathie und soziale Intelligenz entscheidend sind.
4. Grownups
Die vierte und letzte Rolle bei Rechtman sind die „Grownups“ — die Erwachsenen im Raum. Manchmal braucht eine Organisation jemanden, der einfach sagen kann: „Hey, Moment mal.“ Jemanden mit dem Urteilsvermögen und der erarbeiteten Intuition, der weiß, wann man Nein sagen muss, um katastrophale Fehler zu verhindern.
Gratis sind vergleichbar mit Dorseys DRIs — sie sind die Verantwortlichen, die Rechenschaft einfordern und die Organisation auf dem richtigen Kurs halten. Aber Rechtmans Framing ist menschlicher: Es geht nicht um formale Ergebnisverantwortung, sondern um eine Qualität des Urteilsvermögens, die nur durch Erfahrung entsteht.
In einer Organisation, in der Piraten und Vibe Coders in hoher Geschwindigkeit produzieren, braucht es jemanden, der die Bremse zieht, bevor man in eine Wand fährt. Die „Grownups“ sind das organisatorische Gewissen — sie stellen sicher, dass Geschwindigkeit nicht zu Leichtsinn wird.
Bewertung
Rechtmans Modell ist das umfassendste, weil es nicht nur technische Rollen adressiert, sondern auch die zwischenmenschlichen und kulturellen Funktionen in einer Organisation. Die „Hot People“-Kategorie mag provokant klingen, trifft aber einen Nerv: In einer zunehmend automatisierten Welt steigt der Wert menschlicher Verbindung. Die Schwäche: Das Modell ist eher eine Beobachtung als ein Implementierungsplan. Wer konkret umstrukturieren will, findet bei Dorsey oder Shipper mehr operative Anleitung.
Vergleich der drei Modelle
Wenn man die drei Ansätze nebeneinanderlegt, werden sowohl die Gemeinsamkeiten als auch die Unterschiede deutlich.
Was alle drei gemeinsam haben
Alle drei Modelle teilen eine Grundüberzeugung: Die traditionelle Manager-Rolle, deren Hauptfunktion die Informationsweiterleitung war, wird durch KI obsolet. Ebenso sind sich alle einig, dass die Zukunft den „Machern“ gehört — Menschen, die direkt Wert schaffen, statt Prozesse zu verwalten.
Außerdem findet sich in jedem Modell eine Version der „Stabilisierungs-Rolle“: der Architekt bei Shipper, die Security/SRE/Infra Person bei Rechtman, und der DRI bei Dorsey (mit dem Fokus auf Ergebnisverantwortung). Die Erkenntnis, dass schnelle Produktion ohne Stabilisierung gefährlich ist, zieht sich durch alle drei Ansätze.
Wo sie sich unterscheiden
Das Block-Modell ist am stärksten auf formale Organisationsstruktur ausgerichtet — es definiert klare Rollen mit spezifischen Verantwortungsbereichen und 90-Tage-Zyklen. Es ist ein Betriebssystem für große Unternehmen.
Shippers Modell ist das schlankste und am besten auf kleine, agile Teams zugeschnitten. Es beantwortet eine sehr spezifische Frage: Wie strukturiere ich ein Produktentwicklungsteam in der KI-Ära?
Rechtmans Modell ist das breiteste und philosophischste. Es geht über Engineering und Produktentwicklung hinaus und fragt: Welche menschlichen Qualitäten werden in einer KI-durchdrungenen Arbeitswelt noch gebraucht?
Rollenvergleich im Überblick
| Funktion | Block (Dorsey) | Shipper | Rechtman |
|---|---|---|---|
| Schnelle Produktentwicklung | Individual Contributor (IC) | Pirat | Vibe Coder / Slop Cannon |
| Stabilisierung & Sicherheit | DRI (teilweise) | Architekt | Security / SRE / Infra |
| Menschenentwicklung | Player Coach | — | Hot People + Grownups |
| Ergebnisverantwortung | DRI (90-Tage-Zyklen) | Pirat + Architekt | Grownup |
| Zwischenmenschliches | — | — | Hot People |
| Organisationsgröße | Enterprise (6.000+) | Startups & kleine Teams | Universell |
| Stärke | Formale Struktur | Einfachheit | Menschliche Qualitäten |
Was bedeutet das für deutsche Unternehmen?
Die drei Modelle stammen aus dem US-amerikanischen Tech-Ökosystem. Für deutsche Unternehmen — insbesondere den Mittelstand — ergeben sich daraus spezifische Fragen und Chancen.
Die Manager-Frage
Deutsche Unternehmen haben traditionell flachere Hierarchien als ihre US-amerikanischen Pendants, aber die mittlere Führungsebene ist auch hier stark vertreten. Die Frage, ob KI Teile des mittleren Managements ersetzen kann, ist für deutsche Geschäftsführer hochrelevant — nicht aus Sparmentalität, sondern weil der Fachkräftemangel drängt. Wenn KI Informationsflüsse übernehmen kann, können die bisherigen Manager zu Player Coaches werden und ihr Fachwissen direkt produktiv einsetzen.
Die Pirat-Architekt-Dynamik
Shippers Modell lässt sich besonders gut auf Mittelständler übertragen, die schnell digitalisieren müssen. Ein kleines Team aus einem „Piraten“ (der mit KI-Unterstützung Prototypen baut) und einem „Architekten“ (der für Sicherheit, Datenschutz und Skalierung sorgt) kann dasselbe leisten, wofür früher ein ganzes Projektteam nötig war. Für Unternehmen, die eine Python-Agentur beauftragen, ist dieses Modell besonders aufschlussreich: Die Agentur kann die Piraten-Rolle übernehmen (schnelle Entwicklung), während das interne Team die Architekten-Rolle sichert (Integration, Compliance, Wartung).
Die Hot-People-Erkenntnis
Rechtmans provokante Kategorie hat für deutsche Unternehmen eine besonders relevante Implikation: Während alle über technische Skills und KI-Kompetenz sprechen, werden die „weichen“ Fähigkeiten — Vertriebsstärke, Empathie, Verhandlungsgeschick — nicht weniger, sondern mehr wert. Der Vertriebsleiter, der Kundenbeziehungen pflegt, und die HR-Leiterin, die Unternehmenskultur verkörpert, sind nicht durch KI ersetzbar. Sie sind die Schnittstelle zwischen Technologie und Mensch.
Die Grownup-Notwendigkeit
In einer Welt, in der KI die Geschwindigkeit massiv erhöht, steigt auch das Risiko für folgenschwere Fehler. Die „Grownup“-Rolle — jemand mit Erfahrung, Urteilsvermögen und der Autorität, Nein zu sagen — wird für deutsche Unternehmen immer wichtiger. Das gilt besonders für regulierte Branchen wie Finanzdienstleistungen, Gesundheitswesen oder Automotive, wo ein zu schneller Vibe-Coding-Ansatz ohne erfahrene Aufsicht katastrophale Folgen haben kann.
Praktische Handlungsempfehlungen
Was können Unternehmen heute tun, um sich auf diese Organisationsmodelle vorzubereiten?
1. Die eigene Informationsarchitektur analysieren
Bevor Sie umstrukturieren, verstehen Sie, wie Information heute in Ihrem Unternehmen fließt. Wo sind Manager primär Informations-Router? Diese Rollen sind die ersten Kandidaten für KI-Unterstützung.
2. Mit dem Piraten-Architekten-Modell experimentieren
Wählen Sie ein Pilotprojekt und strukturieren Sie das Team bewusst in eine „schnelle Explorations“-Rolle und eine „Stabilisierungs“-Rolle. Messen Sie, ob diese Zweiteilung die Entwicklungsgeschwindigkeit erhöht, ohne die Qualität zu gefährden.
3. Player Coaches identifizieren
Suchen Sie in Ihrem Unternehmen nach Menschen, die sowohl fachlich exzellent sind als auch andere weiterentwickeln können. Diese Personen sind Ihre zukünftigen Führungskräfte — nicht die reinen Verwalter.
4. „Hot People“ wertschätzen
Hören Sie auf, zwischenmenschliche Fähigkeiten als „Soft Skills“ abzuwerten. In einer KI-Welt sind Vertriebstalent, Empathie und Beziehungsfähigkeit harte Wettbewerbsvorteile. Investieren Sie in diese Rollen, anstatt sie als erste zu automatisieren.
5. KI als Organisationswerkzeug einführen
Beginnen Sie, KI nicht nur für operative Aufgaben einzusetzen, sondern für die Informationsverteilung im Unternehmen. Dashboards, automatisierte Status-Updates und KI-gestützte Entscheidungsunterstützung können den Bedarf an reinen Informations-Management-Rollen reduzieren und gleichzeitig die Transparenz erhöhen.
KI-Beratung für Ihr Unternehmen
e-laborat hilft Mittelständlern bei der KI-Einführung — pragmatisch, praxisnah, mit Berliner Startup-Mentalität.
Erstgespräch vereinbaren →Fazit: Die Organisation der Zukunft ist kein Organigramm mehr
Alle drei Modelle — Dorseys Drei-Rollen-Organisation, Shippers Piraten-und-Architekten-Modell und Rechtmans Vier-Jobs-Typologie — konvergieren in einer zentralen Erkenntnis: Die Organisation der Zukunft definiert sich nicht mehr über Hierarchie-Ebenen, sondern über Funktionstypen.
Die Frage ist nicht mehr „Wer berichtet an wen?“, sondern „Wer erkundet, wer stabilisiert, wer verbindet Menschen und wer sorgt für Verantwortung?“
Für Unternehmen, die sich jetzt mit KI-Transformation beschäftigen — ob durch den Aufbau eigener KI-Kompetenz oder die Zusammenarbeit mit einer spezialisierten KI-Beratung —, ist das Verständnis dieser neuen Organisationslogik mindestens so wichtig wie die technische Implementierung. Denn die beste KI-Lösung bringt wenig, wenn die Organisation drum herum noch nach den Regeln einer Welt funktioniert, die es nicht mehr gibt.
Die Modelle von Dorsey, Shipper und Rechtman sind keine fertigen Blaupausen. Sie sind Denkwerkzeuge — Einladungen, die eigene Organisation neu zu betrachten und die Frage zu stellen: Welche Rollen brauchen wir wirklich, wenn KI den Rest übernimmt?